Im schnellen Karussell

Wie ein gescheuchter regennasser Wolf durch das Leben von menschenfabrizierten Horror zur nächsten bestialischen Monstrosität gepeitscht, ausgeschickt um alle Selbstzweifel der Welt in sich zu vereinen. Mit Mimosen als Fühlern. Das Innere durch zarte grazile Fäden zusammengehalten.
Begibt er sich auf die Reise in den Untergrund der menschlichen Seele – ohne zu wissen das er aufbricht.

Dann zieht ihn die Faszination des Morbiden und Makabren in seinen Bann. Und er gravitiert willig in das Zentrum des menschlichen Abgrundes. Angetrieben von einer Macht, die ihn immer weiter treibt, ihn weiterlesen, weitergehen lässt, die eigenen Grenzen dauerhaft am ausdehnen. Sie lehrt ihn den Hunger zu verachten, den Schlaf zu meiden.

Dort in den lange Zeit nicht von Menschenhand angerührten staubbedeckten Buchrücken, in der Nachbarschaft zu alten Enzyklopädien, Folianten, Drucken und Kupferstichen in der friedhofstillen Kellerbibliothek. Im flackernden Kerzenlicht, in eine Decke gehüllt, lebt er im Untergrund und Seite um Seite verliert er sich und desintegriert in hunderte Figuren, schlüpft beständig von persona zu persona durchlebt Leid und Ekstase. Nimmt Anteil an ihrer Geschichte, so wie sie Teile seiner selbst werden, um in ihm weiterzuleben. Entwurzelt aus der Realität, die eigene innere Leere mit fremden Leben anfüllend. So schleicht sich unbemerkt das Dunkle und das Böse in Gestalt der Angst und dem sprachlosen Entsetzen in seine Gefühle und Gedanken.
Das Äußere lässt darauf schließen, dass es sich bei diesem Menschen um ein geordnetes physikalisch ohne weiteres abgrenzbares und als Einheit vorkommendes Wesen handelt. Diese wohl unbestreitbaren äußerlichen Feststellungen unterhalten hartnäckig die Illusion, die eben einen Beobachter darauf schließen lässt, dass der körperlichen Einheit und Bestimmbarkeit in Zeit und Raum auch – quasi analog – die Einheit und Ordnung der innewohnenden Seele folgt. Was für ein gefährlicher Trugschluss! Sie können vor einem Abgrund stehen und werden es nicht gewahr. Dabei kann doch eine Seele so schrecklich verstümmelt und zermartert in tausenden blutigen spitzen Splittern und Scherben liegen. Zwiespältig ist die Seele. Assoziation und Mehrdeutigkeit sind ihre Verbündeten, um sich einer Einheitlichkeit und Eindeutigkeit zu entziehen.

Bemerkbar macht sich dies an der fleischlichen Oberflächen durch ein leichtes augenblickliches Zittern der Stimme, eine leicht übersehbare dezente Unsicherheit in den Bewegungsabläufen. Ein schon vergessenes zusammenbeißen der Lippen. Ein sonderbarer suchender Blick hier und da.

Dann wendet er sich in einem plötzlichen Schwall von Entsetzen ab vom Gorgonenhaupt des Abgrunds. Und noch gelähmt und halb versteinert kriecht er bald laufend weg von dem Auslöser des unbeherrschbaren panikartigen Schocks der in sein Leben blitzte und dem bohrenden Gefühl alles vorher gelernte und als sicher gegoltene Wissen über die Regeln und Gesetzmäßigkeiten der Welt und ihrer Stellung im Kosmos und die Beziehung des Menschen zu ihm liegt in Ruinen. Aller Wert entwertet. Alles verliert seinen Glanz. Die eigene Existenz – nichts mehr als eine geschmacklose Farce.
Jetzt ist es genug er muss sich zurückziehen in sein Refugium. Ganz tief ins Schneckenhaus. Nur verweilen und den Schmerz nachklingen lassen. Den dunklen bittersüßen Trunk bis auf den letzten Tropfen ausleeren. Abseits der Menschenströme auf Toiletten, unter den schützenden Baumkronen im Wald und zerbröckelnden Industrieruinen findet er die Ruhe und den Frieden, um sich danach wieder der Flamme zu nähren und sich ihr auszusetzen.

Eigentlich zu verachten: Nur bereit das Leid der Welt in kleinen Dosen zu konsumieren, steht er denen, die sich ohne Sicherheitsnetz vollkommen in den Abgrund stürzen, ihr Leben mit ihm völlig verschrauben und an ihm hell verbrennen, diametral entgegen. Aber auch er wird brennen.

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