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Gedichte und Geschreibsel

Sie ist immer da.

Du bist gnadenlos und unerbittlich.
Ich will mich nicht mit dir messen
Alles kannst du zerstören.
Du weißt um meine Bedürfnisse und Schwächen.
Du kennst mich besser als ich selbst.
Du verwandelst dich von Wärme und weicher Watte in das Zittern meiner Hände.
Tückisch pflanzt du Gedanken und Handlungen in mich.
Zart und sanft streichelst du mich – plötzlich haust du mir Nägel durch den Kopf.
Du bettest mich in flauschige Federn.
Alle Worte der Vernunft lösen sich auf, wenn mich dein verführerisches Lächeln trifft.
Deine Waffe ist das Gefühl.
Als Herrscherin des Gefühls umschlingst du mein Herz und machst mich willensschwach.
Bin ich nicht gewappnet unterliege ich dir denn ich weiß dir nichts entgegenzusetzen.
Räume ich dir einen Raum ein in dem du wirken kannst wird deine Macht und gleichzeitig meine Ohmnacht offenbar.
Wenn du deinen Blik auf mich wendest dann stehe ich in deinem Bann.
Wenn ich nicht gehörig aufpasse, tauchst du plötzlich vor mir auf und kriegst mich zu packen.
Du hast Zeit und Macht.
Du erlangst mit jedem Schluck, der durch meine betäubte Kehle fließt, mehr Kontrolle über mich.

Ich dagegen bin schwach – Willensschwach.

Kontrollverlust.

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Ein Kontinuum aus juristischen Fachwörtern regnet peitschend auf die Audienz herab. Die Quelle – ein herumwandelnder brauner faltiger Anzug. Das Mundwerk, einem Nussknacker gleich, öffnet und schließt sich unaufhaltsam. Bei der Betrachtung desselben fasziniert die präzise Mechanik. Das metronomhafte der Lauterzeugung verdrängt völlig das Gesagte. Bin ich der einzige, der diesem unablässigen Strom an Syntax und Bedeutung nicht folgen kann? Ich erhoffe mir Aufschlüsse darüber indem ich die Gesichter der Anwesenden studiere. Zu meinem Entsetzen lassen sie sich nichts anmerken, sie folgen konzentriert den Ausführungen des Metronoms. Sie scheinen sogar zu verstehen.

Ein erstes dezentes Unbehagen legt sich über mich. Ich verstehe nicht. Worte hallen elektrisch verstärkt durch den Raum. Hier werden sie ausgebildet die Richter, Staatsanwälte und Polizeidirektoren der nächsten Generation. Nur gehöre ich nicht dazu. Es ist nämlich ein Graben zwischen uns. Die Art und Weise, wie meine Gedanken keimen und aus ganz individuellen und verschiedenen Komponenten zusammengesetzt werden, um dann den nächsten Gedanken gleichsam automatisch auszulösen, wie Gedankenfäden zu Gedankensträngen verdichtet werden ist fundamental unterschiedlich.

Meine Finger sind feucht, der Fuß beginnt sich zu bewegen, mein Blick sucht weiter nach Unverständnis und Selbstzweifel in den Gesichtern. Das Gefühl nicht allein zu sein inmitten von Menschen. Vielleicht sind es gar keine Gesichter, sondern nur Masken und ich bin das einzige Gesicht. Mir schießen Gedanken durch den Kopf und langsamentgleiten sie mir der Kontrolle. Es sind in Überforderung, Verwirrung und Wut formulierte Selbstvorwürfe und Schuldgefühle gegenüber meinen Eltern, meiner Umwelt und mir Selbst. So komponiert, um mich zu verletzen. Ich werde mir selber gegenüber unfreundlich und ausfallend. Es überschlägt sich alles. Und plötzlich ist er wieder da der Punkt der Sinnfrage, am liebsten alles hinschmeißen. Die Muskeln spannen sich, die Faust ballt sich, wird schon knöchrig-weiss. Panik schafft sich Raum. Die Fassade meines Äußeren bröckelt, wenn sich die Furchen der Erosion nicht schon zu tief eingefressen haben. Den spitzen Bleistift presse ich in den Oberschenkel. Tränen wollen kullern. Nur weg, nur raus hier. Ich erhebe mich. Dutzende Augenpaare detektieren die Anomalie. Dann schwenken sie wieder zurück in den Takz Den Rücksack geschultert, mich auf eine ruhige natürliche Schrittfolge konzentrierend, verlasse ich den Saal. Nicht zurückschauen. Nur noch die Tür schließen und aus dem Gebäude fliehen.

Jetzt stehe ich draußen. Einatmen – ausatmen, durchatmen. Die Sonne scheint. Frische Luft, leichter Wind. Es ist warm, so angenehm warm. Der Bach gluckert ganz friedlich. Der Druck verringert sich. Schnell aufs Fahrad geschwungen radle ich entlang an grasgrünen Wildwiesen mit rotgelben Tupfern. Geradewegs in den Wald. Das Fahrrad lasse ich auf dem federnden Waldboden fallen. Ich laufe hinein ins Unterholz und lege mich zwischen Moosen und Farn nieder. Mein Blick wendet sich empor zu den Baumkronen.

Die Blätter reiben aneinander. Allein könte man sie von hier unten nicht hören, aber wenn sich diese Reibung myriadenfach vollzieht hört man das mächtige Rauschen der Bäume. Ich lausche und höre das leise knistern einzelner trockener Blätter der Eichen, welche auf den Büschen und dem Boden aufkommen. Die feinen verhärteten Äderchen zeichnen sich im Sonnenlicht deutlich ab. Es ist still hier, wo sich das Leben erneuert. So bin ich auch still und füge mich willig ein. Der chaotische Sturm hallt noch leise nach, um mit jedem Wimpernschlag seicht zu vereben. Es löst sich alles. Von oben herab rieselt Schlaf über mich, Morpheus bemächtigt sich meiner sanft und behutsam mit der Gewalt des Schlafes (dem kein Krieger/Kämpfer widerstehen kann) Ich habe wieder alles unter Kontrolle. Die Stimmung wird noch eine Weile andauern, aber der Druck ist verpufft. Alles löst sich. Der Zauber der Natur.

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ohne Titel by Casimir Koreander is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 3.0 Unported License.

Wie ein gescheuchter regennasser Wolf durch das Leben von menschenfabrizierten Horror zur nächsten bestialischen Monstrosität gepeitscht, ausgeschickt um alle Selbstzweifel der Welt in sich zu vereinen. Mit Mimosen als Fühlern. Das Innere durch zarte grazile Fäden zusammengehalten.
Begibt er sich auf die Reise in den Untergrund der menschlichen Seele – ohne zu wissen das er aufbricht.

Dann zieht ihn die Faszination des Morbiden und Makabren in seinen Bann. Und er gravitiert willig in das Zentrum des menschlichen Abgrundes. Angetrieben von einer Macht, die ihn immer weiter treibt, ihn weiterlesen, weitergehen lässt, die eigenen Grenzen dauerhaft am ausdehnen. Sie lehrt ihn den Hunger zu verachten, den Schlaf zu meiden.

Dort in den lange Zeit nicht von Menschenhand angerührten staubbedeckten Buchrücken, in der Nachbarschaft zu alten Enzyklopädien, Folianten, Drucken und Kupferstichen in der friedhofstillen Kellerbibliothek. Im flackernden Kerzenlicht, in eine Decke gehüllt, lebt er im Untergrund und Seite um Seite verliert er sich und desintegriert in hunderte Figuren, schlüpft beständig von persona zu persona durchlebt Leid und Ekstase. Nimmt Anteil an ihrer Geschichte, so wie sie Teile seiner selbst werden, um in ihm weiterzuleben. Entwurzelt aus der Realität, die eigene innere Leere mit fremden Leben anfüllend. So schleicht sich unbemerkt das Dunkle und das Böse in Gestalt der Angst und dem sprachlosen Entsetzen in seine Gefühle und Gedanken.
Das Äußere lässt darauf schließen, dass es sich bei diesem Menschen um ein geordnetes physikalisch ohne weiteres abgrenzbares und als Einheit vorkommendes Wesen handelt. Diese wohl unbestreitbaren äußerlichen Feststellungen unterhalten hartnäckig die Illusion, die eben einen Beobachter darauf schließen lässt, dass der körperlichen Einheit und Bestimmbarkeit in Zeit und Raum auch – quasi analog – die Einheit und Ordnung der innewohnenden Seele folgt. Was für ein gefährlicher Trugschluss! Sie können vor einem Abgrund stehen und werden es nicht gewahr. Dabei kann doch eine Seele so schrecklich verstümmelt und zermartert in tausenden blutigen spitzen Splittern und Scherben liegen. Zwiespältig ist die Seele. Assoziation und Mehrdeutigkeit sind ihre Verbündeten, um sich einer Einheitlichkeit und Eindeutigkeit zu entziehen.

Bemerkbar macht sich dies an der fleischlichen Oberflächen durch ein leichtes augenblickliches Zittern der Stimme, eine leicht übersehbare dezente Unsicherheit in den Bewegungsabläufen. Ein schon vergessenes zusammenbeißen der Lippen. Ein sonderbarer suchender Blick hier und da.

Dann wendet er sich in einem plötzlichen Schwall von Entsetzen ab vom Gorgonenhaupt des Abgrunds. Und noch gelähmt und halb versteinert kriecht er bald laufend weg von dem Auslöser des unbeherrschbaren panikartigen Schocks der in sein Leben blitzte und dem bohrenden Gefühl alles vorher gelernte und als sicher gegoltene Wissen über die Regeln und Gesetzmäßigkeiten der Welt und ihrer Stellung im Kosmos und die Beziehung des Menschen zu ihm liegt in Ruinen. Aller Wert entwertet. Alles verliert seinen Glanz. Die eigene Existenz – nichts mehr als eine geschmacklose Farce.
Jetzt ist es genug er muss sich zurückziehen in sein Refugium. Ganz tief ins Schneckenhaus. Nur verweilen und den Schmerz nachklingen lassen. Den dunklen bittersüßen Trunk bis auf den letzten Tropfen ausleeren. Abseits der Menschenströme auf Toiletten, unter den schützenden Baumkronen im Wald und zerbröckelnden Industrieruinen findet er die Ruhe und den Frieden, um sich danach wieder der Flamme zu nähren und sich ihr auszusetzen.

Eigentlich zu verachten: Nur bereit das Leid der Welt in kleinen Dosen zu konsumieren, steht er denen, die sich ohne Sicherheitsnetz vollkommen in den Abgrund stürzen, ihr Leben mit ihm völlig verschrauben und an ihm hell verbrennen, diametral entgegen. Aber auch er wird brennen.

In schier unbegrenzter Menge
tanzen Frauen am Gestänge
Männerblicke schießen von den Rängen
wenden ihre Körper zu den lustvollen Klängen
Bangen mischt sich mit Verlangen
es brodelt zwischen dem Gebein
der Herr wird doch nicht ungehobelt sein?
der Raum ist heiß
und riecht nach Schweiß
das dämmrig‘ Licht verstärkt den Fleiß
die ästetische Kunst
verschwimmt im Dunst
hinter Zigarren und Zigaretten
liegt ihr Geist in festen Ketten
sieht man Menschen halb verrecken
in den dunklen Ecken
ungleiche Leiber sich gegenseitig lecken
in manchen Gesichtern herrscht erschrecken
andere erpicht darauf sich zu verstecken
Dunkelheit gehüllt in Schall und Rauch
all das ist ein sehr alter Brauch

Berliner Bär

 
– Eine Bahnhofskneipe –

 

Menschen sind hier, die zittern, wenn sie nichts trinken.
Die über die Zeit immer mehr in den Abgrund sinken.

Man hört die Feuerzeuge elektrisch klicken.
Und sieht die Flamme in ihren lodernden Blicken.

Manche flüstern leise, andere erzählen ganz laut.
über Träume und Frauen, die man ihnen geklaut.

Jeder ein Glimmstängel in Mund oder Hand
schauen sie betrübt oder heiter über ihren Rand

Spielautomaten leuchten, flackern, piepsen, verhöhnen.
Gierig schlucken sie Münz‘ nach Münz und Schein nach Schein.
Zur späten Stund‘ kommen noch schwankende Gestalten zur Tür herein.
Dazu hört man laute Musik aus der Jukebox erdröhnen.

Hier ist keiner rausgeputzt oder gar angezogen fein.
Man kommt mit jeder Kluft und Kleidung rein.

Karten, Geld ,Gedeck und Schachteln liegen auf der Theke
Der Wirt schenkt aus, schenkt ein, räumt ab, räumt ein.
schreibt an, schreibt auf, schließt ab, schließt auf.

Von außen verirrt sich hier keiner. Der Ort wird gemieden.
Dabei ist er gar nicht abgeschieden. Aber dennoch…

abgeschnitten von der Welt schwindet die Nacht im Rausch dahin
So wie das Leben und auch ihr Sinn.